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Maßanfertigung

In Papenburg entstehen schwimmende Hotels mit dem Fassungsvermögen von Kleinstädten. Später auf See hat der Kapitän das Sagen. Doch bis es soweit ist, führen andere Experten das Kommando auf der Brücke.

Text: Martin Sattler

Noch sind es die sattgrünen Wiesen Niedersachsens, die sich an diesem verregnet-grauen Spätsommer-Nachmittag vor den mannshohen Fenstern des Kreuzfahrtschiffes ausdehnen. Die Aussicht ist atemberaubend, hier auf der Kommandobrücke, knapp 40 Meter über dem Boden. Bald wird der Kapitän den Ozeanriesen in karibisches Fahrwasser navigieren. Verantwortlich dafür, dass das Schiff demnächst problemlos von der Meyer Werft in Papenburg zu Trauminseln wie Barbados aufbrechen kann, ist Stephan Schmees. Wir treffen den Projektleiter der Werft, der gemeinsam mit seinem Team in den vergangenen Jahren bereits den Bau von vier Kreuzfahrtschiffen verantwortet hat, zu einem Rundgang über die Großbaustelle.

Mit seinen 20 Decks und rund 335 Meter Länge thront das Schiff hochhausgroß im Außendock. Man sagt, die Urlaubsstimmung setze bei einer Kreuzfahrt bereits mit den ersten Schritten über die Gangway ein. Noch funktioniert das nicht. Das ohrenbetäubende Kreischen einer Flex zerschneidet jegliche Gedanken an ferne Länder und entspannte Stunden auf dem Sonnendeck. Überall montieren Handwerker mit Bauhelmen Zierleisten, verlegen Teppiche oder nehmen bereits fertige Bereiche ab. In bis zu drei Schichten arbeiten sie fieberhaft daran, dass alles rechtzeitig gästefertig wird. Und die Chancen dafür stehen gut – obwohl noch Kabel aus den Decken hängen und schwere Steinplatten auf ihre Verarbeitung warten:„Wir haben noch nie unpünktlich abgeliefert“, beruhigt Stephan Schmees. „Und wir haben nicht vor, daran etwas zu ändern.“

Es muss noch eine Menge passieren, bevor das Schiff in knapp drei Wochen die Werft verlassen und anschließend an die Reederei übergeben werden kann. Doch was von außen betrachtet wie eine einzige Großbaustelle aussieht, ist längst ein funktionierendes Kreuzfahrtschiff – vollgepackt mit modernster Technik und Highend-Equipment. Wie zum Beleg richtet Ingenieur Sebastian Arians am Kommandostand gerade den zweiten Autopiloten ein. Auf Autopilot scheint auch der Kreuzfahrtmarkt zu sein. In den vergangenen Jahren hat ein regelrechter Boom eingesetzt. Einige Reedereien berichten, die Nachfrage übersteige mittlerweile das Angebot. Es ließen sich deutlich mehr Tickets verkaufen, allein es fehlen die Kapazitäten. Deshalb ordern nicht nur amerikanische, sondern auch die großen deutschen Kreuzfahrtanbieter wie AIDA Cruises oder TUI Cruises neue Giganten. Die Schiffbaubranche hat gehörig Rückenwind. Nirgendwo kann man das zurzeit besser beobachten als in der Meyer Werft in Papenburg. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt – und damit auch die Docks. „Ab 2020 haben wir wieder freie Kapazitäten“, sagt Schmees. Bis dahin würden Bestellungen abgearbeitet. Bestellungen wie das fast fertige Kreuzfahrtschiff. In wenigen Tagen wird der Riese über die Ems in Richtung Meer schippern. Dann, zur fristgerechten Auslieferung, werden sich die Baustellen im Inneren des Schiffes in einladende Wohlfühllandschaften für Kreuzfahrtfans verwandelt haben.

Diese Verwandlung kann man im Bauch des schwimmenden Kolosses bislang nur erahnen. Akkuschrauber rotieren, es riecht nach Farbe und frisch verarbeitetem Holz. Kabinen, Restaurants, Wellnessbereiche, Shopping-Area und das Theater bekommen den finalen Schliff. Mit dem Innenausbau hat die heiße Phase des Projekts begonnen. Fertig und absolut unfertig liegen dicht beieinander. Hier fehlt noch der Treppenaufgang, dort leuchten bereits die Logos der Designer-Marken in der Shoppingmall. Man darf nicht vergessen: In der Entstehungsgeschichte eines Kreuzfahrtschiffes sind drei Wochen ein Wimpernschlag. Die Konstruktionsphase dauert rund anderthalb Jahre, die Planungsphase davor in etwa genauso lang. Damit Großprojekte wie dieser Schiffsbau verwirklicht werden können, braucht es das funktionierende Zusammenspiel von Reederei, Werft und Finanzpartner. Der übliche Weg ist folgender: Die Reederei bestellt den Bau eines Kreuzfahrtschiffes bei der Werft. Dabei stehen die vereinbarten Bauverträge jedoch unter dem Vorbehalt, dass eine akzeptable Finanzierung für die bis zu 900 Millionen Euro teuren Schiffe zustande kommt. „Um unsere Kreuzfahrtschiffe in der gewohnt hohen Qualität und der geforderten Zeit bauen zu können, brauchen wir verlässliche Bankenpartner, die solche hohen Kreditbeträge in sehr kurzen Genehmigungszeiten bereitstellen können“, sagt Thomas Weigend, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter des Bereiches Forschung, Vertrieb und Produktentwicklung der Meyer Werft. „Die KfW IPEX-Bank ist eine solche Größe im Markt – wir haben in den vergangenen 20 Jahren schon sehr viele herausfordernde Projekte gemeinsam sehr erfolgreich realisiert.“

Deutsche Werftarbeit
Erstklassiges Entertainment: Abkühlung im Aquapark

Von Frankfurt am Main aus unterstützt die Spezialbank deutsche und europäische Werften beim internationalen Geschäft, aufgrund der hohen Volumina meistens im Zusammenschluss mit anderen Banken. „Reedereien rund um den Globus entscheiden sich für uns, da wir die Möglichkeiten und das Know-how haben, auch die großen Aufträge zu übernehmen“, sagt Christian K. Murach, Mitglied der Geschäftsleitung der KfW IPEX-Bank. Wichtig dabei ist auch die Strukturierungsexpertise.Die Fachleute der KfW IPEX-Bank wissen genau, wie der Kredit aufgebaut sein muss, damit sich solche großen Deals für alle beteiligten Parteien rechnen. "Wir setzen auf langjährige, vertrauensvolle Geschäftsbeziehungen zu unseren Kunden und Bankpartnern. Alle Beteiligten wissen, dass auf uns Verlass ist – auch wenn der Wind mal rauer weht", sagt Murach.

Durch die Finanzierung der Kreuzfahrtgiganten stützt die KfW IPEX-Bank auch den deutschen Export von Spitzentechnologien und sichert zahlreiche Arbeitsplätze: Rund 3.100 Beschäftigte arbeiten allein bei der Meyer Werft in Niedersachsen. Diese Zahl steigt sogar auf 20.000, zählt man die knapp 800 überwiegend mittelständischen Zulieferbetriebe hinzu, die ebenfalls am Bau beteiligt sind. Denn beim Bau von Kreuzfahrtschiffen erbringt die Werft nur rund 25 Prozent der Leistung – etwa 75 Prozent übernehmen Betriebe aus ganz Deutschland. So stammen zum Beispiel die Motoren aus Süddeutschland. Selbst ganze Küchen werden zugeliefert; Hauben, Wände und Decken kommen aus der Region, das Küchenequipment wird weltweit zugekauft. Die Nähe zu den relevanten Zulieferbetrieben sowie das umfassende Integrations-Know-how der Werften sind auch die zentralen Gründe, warum fast alle Kreuzfahrtschiffe in den vier großen europäischen Werften gebaut werden.

Die Erkundungstour an Bord geht weiter. Auf Deck 20 gelangen wir in den Außenbereich. Wasserrutsche und Pools des Aquaparks sind noch eingerüstet oder mit rotweißem Baustellenband abgesperrt. Auch der Hochseilgarten ist noch nicht bekletterbar. Also weiter ins Innere des Schiffes. Wir gehen vorbei an künftigen Restaurants, Lounges und Bars und betreten Kabine 13.180. Die Doppelkabine mit Balkon und geräumiger Dusche ist bereits bezugsfertig – und wahrscheinlich schon für die Jungfernfahrt vermietet. Stammgäste der Reedereien sind sehr darauf erpicht, als erster Passagier in einem dieser Betten liegen zu können. Die voll ausgestatteten Kabinen, von denen es rund 2.000 an Bord gibt, werden als komplette Bauteile geliefert. Befinden sie sich an der richtigen Position, werden Strom und Wasser angeschlossen sowie der Teppich von der Wand auf den Boden gerollt – und fertig.

Ganz so einfach ist es beim Bord-Theater auf Deck 7 nicht. Rund 800 Besucher werden schon bald auf den dann nicht mehr mit Folie abgedeckten Stühlen Platz nehmen und allabendlich den Aufführungen der Musicaldarsteller lauschen. Zurzeit bildet ein Baugerüst das Bühnenbild und eine Handvoll Handwerker spielt die Hauptrolle. Pro Jahr kauft die Meyer Werft drei perfekt ausgerüstete Theater – mehr als jede Stadt oder Kommune in Deutschland. Zum Entertainment an Bord gehören aber nicht nur moderne Theater, Casinos & Aquaparks. Die Passagiere erwartet auch in anderen Bereichen eine Hightech-Ausstattung. „Selbstverständlich wollen die Urlauber auch unterwegs online sein, ihr Smartphone oder Tablet nutzen. Der gesamte Bereich Connectivity gewinnt daher enorm an Bedeutung“, sagt Stephan Schmees. Diese und andere Entwicklungen sorgen dafür, dass Kreuzfahrtschiffe modernste Technik an Bord haben.

Das gilt auch in puncto Energieeffizienz und Umweltschutz. Neue technische Lösungen sorgen dafür, dass überall dort, wo durch Verbrennung Wärme entsteht, diese auch genutzt wird. Moderne Wärmerückgewinnungssysteme kommen zum Beispiel in der Wäscherei zum Einsatz: „In den vergangenen Jahren wurden viele Abläufe an Bord hinterfragt und geändert. Zum Beispiel wird heute gewaschen, wenn das Schiff fährt und genug Dampf da ist, nicht wenn genug Wäsche da ist“, sagt Projektleiter Schmees. Auch in vielen anderen Bereichen habe ein Umdenken stattgefunden: Angefangen bei umweltfreundlichen Flüssiggas-Antrieben (LNG) und Abgasreinigungsanlagen, über die Verwendung von LED oder umweltfreundlicheren Außenanstrichen bis hin zur Verringerung des Treibstoffverbrauchs durch ein Luftkissen unter dem Schiff. Der Projektleiter sieht darin eine großartige Entwicklung: „Es macht doch viel mehr Spaß, wenn man am Ende ein Produkt hat, wo die Effizienz stimmt und der grüne Gedanke mitfährt.“

Sicherheitscheckc
Sicherheitschek: Ingenieur Sebastian Arians bringt den Autopiloten auf Kurs

Drei Wochen später bietet sich dem Besucher an Bord ein völlig anderes Bild: Die Bauarbeiter haben das Feld geräumt und Platz gemacht für Crew und Passagiere. Alle Zierleisten sind an ihrem Platz, die Schutzfolien von den Teppichen gezogen und die rot-weißen Absperrbänder im Aquapark entfernt. Auch dieses Kreuzfahrtschiff ist ‚just in time‘ fertig geworden. Es ist der Tag des Abschieds – ein großer Tag für alle Beteiligten, zehntausende Schaulustige sind gekommen: Das Kreuzfahrtschiff verlässt seinen Bauplatz in Papenburg über die Ems in Richtung Nordsee, der ersten Etappe auf dem Weg in die Karibik. GPS-Sender am Rand der Ems helfen dem Schiff, millimetergenau zu navigieren. Mit an Bord rund 1.000 Personen inklusive Crew. Wie der Kapitän hat auch die Besatzung bereits einige Tage an Bord verbracht, um die Abläufe kennenzulernen und sich einzuleben.

Für Projektleiter Stephan Schmees ist das Auslaufen des Schiffs ein emotionaler Moment: „Mir fällt schon ein riesiger Stein vom Herzen – ganz klar. Trotzdem ist das sehr seltsam. Schließlich gibt man das Schiff, sein Baby, nach anderthalb Jahren aus der Hand.“ Viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt ihm nicht. In den überdimensionalen Hallen der Werft wartet bereits das nächste Schiff darauf, den heute freigewordenen Platz im Außendock einzunehmen. Wie gesagt: Der Kreuzfahrtmarkt boomt.

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