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Wirtschaftswunder Ost

Volkswirte der KfW ziehen Bilanz: Der Osten Deutschlands hat sich in den vergangenen 25 Jahren so rasant entwickelt wie der Westen zur Zeit des Wirtschaftswunders. Die regionalen Unterschiede sind inzwischen geringer als in anderen Industriestaaten.

Von Ulrike Wronski

Der Aufbau der ostdeutschen Wirtschaft ist eine Erfolgsgeschichte, die kaum einen Vergleich zu scheuen braucht. Zu diesem Schluss kommen die KfW-Volkswirte 25 Jahre nach dem Mauerfall. »Den neuen Ländern ist ein beeindruckender Wirtschaftsaufschwung gelungen «, sagt Martin Müller, bei der KfW im Economic Research tätig. Gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Klaus Borger hat Müller zentrale Indikatoren der ökonomischen Leistungsfähigkeit verglichen. Entscheidende Voraussetzung für die dynamische Entwicklung in Ostdeutschland waren die hohen Investitionen. Nach der Wende flossen zig Milliarden in den Aufbau Ost. Allein die KfW hat in den neuen Bundesländern einschließlich Berlins von 1990 bis 2013 Kredite und Zuschüsse in Höhe von mehr als 185 Milliarden Euro zugesagt – für die Förderung von Unternehmen, Wohnungsbau und Infrastruktur. Damit wurde jeder zehnte Euro an Investitionen aus KfW-Mitteln finanziert. Grund genug für die KfW, nach einem Vierteljahrhundert Bilanz zu ziehen: Wo steht der Osten im Vergleich zum Westen heute? Wie heterogen ist Deutschland im internationalen Vergleich? Und wie sehen die Zukunftsperspektiven für den Osten aus?

Weder die neuen noch die alten Bundesländer sind homogen

Der innerdeutsche Vergleich zeigt: Es gibt noch Unterschiede zwischen Ost und West, aber Ostdeutschland hat ungemein aufgeholt. Das spüren die Ostdeutschen auch in ihrem Portemonnaie: 2013 betrug das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen in den neuen Bundesländern 17.700 Euro – 84 Prozent des Einkommens in den alten Ländern. Vor gut 20 Jahren waren es erst 53 Prozent. Berücksichtigt man die geringeren Lebenshaltungskosten im Osten, erreicht das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen dort inzwischen gar 89 Prozent des Westniveaus. »Doch weder auf der einen noch auf der anderen Seite der früheren Grenze ist Deutschland heute homogen«, gibt Müller zu bedenken. »In einigen Landkreisen und kreisfreien Städten um Berlin, in Sachsen und Thüringen haben die Menschen mehr Einkommen zur Verfügung als in strukturschwachen Regionen Niedersachsens und in Teilen des Ruhrgebiets.« Zwar ist die Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern noch immer höher als in den alten, doch die Differenz ist heute mit rund vier Prozentpunkten geringer als in den Vorjahren. 2003 lag sie noch bei zehn Prozentpunkten. Die Arbeitsproduktivität, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Erwerbstätigem, erreicht im Osten 76 Prozent des Westwertes. Genauso findet sich in Deutschland aber auch ein Süd-Nord-Gefälle. In Schleswig-Holstein lag das BIP je Erwerbstätigem 2013 um 17 Prozent unter dem von Hessen. »Regionale Unterschiede in der Wirtschaftskraft sind normal. Kein Land ist völlig ausgeglichen «, sagt Klaus Borger.

Ostdeutschland gehört zum Mittelstand Europas

Deshalb lässt sich der deutsche Fortschritt viel besser einschätzen, wenn man die regionalen Unterschiede in Deutschland mit denen anderer Staaten vergleicht. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Hierzulande sind die regionalen Differenzen etwas geringer als im Durchschnitt der großen Industrieländer (G7). In puncto Arbeitsproduktivität ist Deutschland sogar deutlich homogener als die übrigen G7-Staaten. »Dabei hatte keines dieser Länder in den zurückliegenden Jahrzehnten eine ähnliche Herausforderung zu stemmen wie die Wiedervereinigung«, so Borger. Gemessen an der kaufkraftbereinigten Wirtschaftsleistung pro Kopf, gehört Ostdeutschland inzwischen zum Mittelstand Europas. Nimmt man den Durchschnitt der 28 EU-Mitgliedstaaten in einem Index als Basiswert 100 an, liegen die neuen Bundesländer mit 93 Punkten auf Platz 14, knapp hinter Italien (98) und Spanien (95). »All das zeigt: Die regionalen Unterschiede in Deutschland sind inzwischen auf Normalmaß geschrumpft«, sagt der Ökonom. Der historische Vergleich verdeutliche zudem, dass wirtschaftliche Heterogenität in Deutschland kein Nachwendephänomen ist: »25 Jahre nach dem Mauerfall ist die Bundesrepublik homogener, als es die Weimarer Republik Mitte der 1920er-Jahre war.

Auch Westdeutschland hat ein Vierteljahrhundert gebraucht

Beim Blick auf die deutsche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg ziehen die KfW-Volkswirte einen anschaulichen Vergleich: Die Aufbauarbeit in den neuen Bundesländern sei mit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit vergleichbar. »Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in Ostdeutschland ähnlich stark gewachsen wie der westdeutsche Vergleichswert in der Wirtschaftswunderzeit«, sagt Müller. Rechnet man das BIP pro Einwohner auf das Preisniveau des Jahres 2013 hoch, so lag dessen Wert 1991 in den neuen Bundesländern bei gut 12.000 Euro. Die Bundesrepublik erreichte diesen Wert 1959. Das Pro-Kopf-BIP der ostdeutschen Flächenländer wuchs um 3,3 Prozent pro Jahr und ist heute etwa ebenso hoch wie das Pro-Kopf-BIP Westdeutschlands 1981. »Auch der Westen hat also ein Vierteljahrhundert gebraucht, um von einem vergleichbaren Startniveau die heutige Wirtschaftskraft Ostdeutschlands zu erreichen«, erläutert Müller. Welche Erwartungen für die Entwicklung der neuen Länder sind denn realistisch? Martin Müller: »Zentraler Nachteil der Wirtschaft zwischen Rostock und Chemnitz ist, dass es relativ wenige große Unternehmen gibt. Doch deren Anzahl nimmt zu.« Das ist wichtig für das Einkommensniveau der Beschäftigten, vor allem aber für Forschung und Entwicklung in den Betrieben und damit für die Wettbewerbsfähigkeit der Region. Das Bundeswirtschaftsministerium spricht von einer erfolgreichen Reindustrialisierung in den neuen Bundesländern und zählt folgende Beispiele auf: optische und elektronische Industrie in Jena, Maschinenbau und Windenergietechnik in der Region Magdeburg, Mikroelektronik im Raum Dresden, Freiberg und Chemnitz sowie Sondermaschinen- und Anlagenbau in Mecklenburg-Vorpommern.

Die räumliche Nähe zu Osteuropa steigert den Export

»Eine Stärke des Ostens ist seine Attraktivität als Investitionsstandort«, sagt Müller. Auch infrastrukturelle Defizite sind weitgehend beseitigt. Vor allem die Großräume Berlin, Dresden, Leipzig und Halle verfügen über eine gute bis sehr gute Infrastrukturausstattung. Und die räumliche Nähe zu den mittel- und osteuropäischen Transformationsländern verschafft Vorteile im Export in diese Region. Inzwischen werden 34 Prozent der Gesamtumsätze im Verarbeitenden Gewerbe in den neuen Bundesländern mit dem Export erzielt. Zu den positiven Standortfaktoren zählt auch das Kinderbetreuungsangebot. In Ostdeutschland – Berlin eingeschlossen – werden fast 50 Prozent der Kinder unter drei Jahren in einer Krippe oder von einer Tagesmutter betreut. Die Betreuungsquote ist damit gut doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern. Auch in Sachen Bildung kann der Osten durchaus punkten. Dort erreicht ein höherer Anteil der jungen Menschen mindestens einen beruflichen Bildungsabschluss. Hochschulabsolventen sind mit ihrer Alma Mater tendenziell zufriedener. »Die Perspektiven für Ostdeutschland sind insgesamt günstig«, konstatiert Müller. Allerdings werden sich nicht alle Regionen in den neuen Bundesländern gleichermaßen entwickeln, denn die Siedlungsstruktur unterscheidet sich stark von der im Westen: 55 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung leben in vorwiegend dünn besiedelten ländlichen Kreisen. Das gilt nur für 27 Prozent der Westdeutschen. Das Produktions- und Einkommensniveau auf dem Land ist geringer als in der Stadt, ländliche Regionen sind stärker vom demografischen Wandel betroffen. »Während die städtischen Wirtschaftszentren im Osten des Landes weiter an Attraktivität gewinnen werden, stehen vor allem die strukturschwachen Regionen vor der Herausforderung, sich an eine schrumpfende und alternde Bevölkerung anpassen zu müssen«, so Müller. Das gelte allerdings auch für ländliche Regionen im Westen.

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