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Zutritt verboten!

Seit 500 Jahren müssen die indigenen Völker am Amazonas ihre Heimat verteidigen. Die KfW hat geholfen, ihre Gebiete zu sichern und die Abholzung einzudämmen.

Von Ricarda Twellmann

Als der portugiesische Seefahrer Pedro Álvares Cabral am 22. April 1500 das heutige Brasilien entdeckte, begann für die Ureinwohner Amazoniens ein erbitterter Kampf um ihr Land. Noch heute müssen die Bewohner der Regenwälder um ihre Existenz bangen. Auch wenn ihr Recht auf die ausschließliche Nutzung ihres Landes seit 1988 in der brasilianischen Verfassung verankert ist, wird ihr Lebensraum weiter zerstört. Große Waldstücke müssen Rinderfarmen und Sojaplantagen weichen. Bäume werden illegal geschlagen, weil ihr Holz im Ausland gefragt ist. Goldschürfer hinterlassen quecksilberverseuchte Mondlandschaften. Um die Landrechte der indigenen Bevölkerung zu sichern und die Entwaldung einzudämmen, hat die deutsche Bundesregierung über die KfW und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kooperation mit der Weltbank ein Projekt zur Demarkierung indianischer Gebiete (PPTAL) initiiert. Demarkierung ist ein Prozess, bei dem Territorien klar abgesteckt werden.

»Die Demarkierung ging anfangs nur schleppend voran, denn die Gebiete sind sehr schwer zu erreichen«, erzählt Silke Heuser, Senior-Projektmanagerin in der Evaluierungsabteilung des Geschäftsbereichs KfW Entwicklungsbank. Um die Areale zu sichern, arbeitete das Projektteam eng mit der brasilianischen Indianerbehörde Fundação Nacional do Índio (FUNAI) zusammen. Die KfW finanzierte das Vorhaben mit 14,1 Millionen Euro aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Wenn ein Gebiet ausgewiesen werden soll, geht ein Vertreter der Indianerbehörde das zu demarkierende Areal gemeinsam mit den Indigenen ab und identifiziert die Fläche. Danach legen die Verantwortlichen die offiziellen Grenzen fest. Dazu werden sechs Meter breite Schneisen in den Dschungel geschlagen und Grenzsteine in einem Abstand von jeweils einem Kilometer platziert. »FUNAI will die Schneisen pflegen. Bei den riesigen Dimensionen der Flächen wird das jedoch ein schwieriges Unterfangen«, sagt Heuser. Alle Gebiete erhalten eine GPS-Codierung und werden ins Kataster eingetragen. Das belegt ihre rechtmäßige Existenz und ermöglicht dauerhaft die Ortung.

Im Rahmen von PPTAL wurden 178 Schutzgebiete von 178 Stämmen ausgewiesen. Die Areale liegen im ganzen Amazonasgebiet verstreut. Ihre Gesamtfläche beträgt circa 38 Millionen Hektar. Zum Vergleich: Deutschland ist etwa 35 Millionen Hektar groß. Die Projektpartner haben rund 50 Prozent mehr Indianergebiete demarkiert als ursprünglich geplant. Innerhalb der neuen Grenzen leben die Indigenen nun – fast – wieder so wie vor 500 Jahren. »Den Regenwald bezeichnen die Einheimischen als ihren Supermarkt, der Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse anbietet. Anstatt einzukaufen, müssen sie jagen, fischen und Früchte sammeln «, erklärt Heuser. Das Wissen der Indigenen über Flora und Fauna garantiert die nachhaltige Nutzung der tropischen Regenwälder und trägt zu deren Schutz bei.

Doch auch die Indigenen selbst haben Schutz bitter nötig. Kolonialisierung, Krieg, eingeschleppte Krankheiten, Sklaverei und Verfolgung haben ganze Völker ausgelöscht. Vor der Ankunft der Europäer lebten drei bis acht Millionen Indigene im brasilianischen Amazonasgebiet, Anfang der 1990er-Jahre waren es kaum mehr als 400.000. »Das Demarkierungsprojekt hat dazu beigetragen, dass heute wieder etwa 600.000 Indigene in Amazonien leben. Dieses Ergebnis hat unsere Erwartungen übertroffen«, sagt Heuser. Die neuen Grenzen, die von Außenstehenden nur mit Genehmigung übertreten werden dürfen, reduzieren auch die Infektionsgefahr. Denn das Immunsystem der Ureinwohner ist für viele bei uns weit verbreitete Krankheiten nicht gerüstet.

Die Stämme, die nun von der Demarkierung profitieren, wurden vorab von FUNAI als besonders gefährdet eingestuft. Die Paumari beispielsweise leben hauptsächlich vom Fischfang. Doch Eindringlinge bedrohen deren Lebensraum, weil sie in Gewässern der Paumari fischen. Die Tenharim Marmelos geraten immer wieder mit Holzfällern aneinander. Diese roden nicht nur illegal die Wälder, sondern nutzen für ihre Transporte auch die Transamazonica. Für das Befahren dieser Straße, die durch ihr Gebiet führt, erheben die Tenharim Marmelos eine Maut. Das birgt Konfliktpotenzial. Durch die markierten Grenzen sind die Rechte der Stämme nun besser geschützt. Die Evaluierung der KfW nach Projektende bescheinigt: Diese Wirkungen verdienen die Note ›gut‹.

Auch aus der Vogelperspektive sind die Erfolge zu erkennen: Dicht an dicht stehen die jahrhundertealten Bäume, das saftige Grün der Blätter verdeckt die Sicht auf den Boden. Die Gebiete, die nicht den Indigenen gehören, sind kahl oder mit Viehfarmen, Sägewerken und Plantagen bedeckt. »Indem wir den Indigenen das Recht auf ihr Land garantieren, schützen wir gleichzeitig den Regenwald«, sagt Heuser. Dennoch macht sich die KfW-Mitarbeiterin Sorgen. Die Stimmen derer, die die Ressourcen des Regenwalds stärker wirtschaftlich nutzen möchten, werden lauter. »Wir haben geholfen, für die Indigenen eine sichere Lebensgrundlage zu schaffen, und hoffen sehr, dass das Erreichte nicht wieder durch neue Gesetze zunichte gemacht wird.«

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