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Brückenfinanzierer unterstützt junge Hightech-Firmen

Der Biologe Holger Reithinger leitet die Risikokapitalgesellschaft Forbion in München. Sie investiert in junge Hightech-Firmen und überbrückt so die schwierige Phase, bis sich ein Start-up am Markt etabliert hat.

Interview: Alia Begisheva

Herr Reithinger, hat Sie heute schon ein Start-up kontaktiert?

Heute rief tatsächlich schon jemand an. Wir werden uns die Idee des Herrn noch genau anschauen. Die spontanen Anrufe sind aber selten, die Gründer schicken in der Regel eine Präsentation.

Wie wahrscheinlich ist es, dass er von Ihnen Kapital erhält?

Wir bekommen etwa 600 Anfragen pro Jahr – machen aber nur zwei bis fünf Investments, ausschließlich in Medizintechnik, Biotechnologie und Diagnostik. Aus der Sicht des Gründers ist es also eine große Herausforderung, eine Finanzierung von uns zu erhalten.

Warum ist das so?

Es gibt viele Gründer mit pfiffigen Ideen, aber nicht jede ist für Venture Capital, also Risikokapital, geeignet. Um die hohen Risiken abzufedern, können wir nur in Unternehmen investieren, deren technologischer Vorsprung sehr groß ist und deren Produkte in großen Märkten hohe Gewinne versprechen. Um solche Unternehmen zu finden, begeben wir uns auch selbst auf die Suche, gehen auf Konferenzen, in Universitäten und nutzen unsere Kontakte.

Krebsforschung
Experten für Imuntherapie: Vorstandsvorsitzender Christian Schetter und Forschungschefin Christine Schuberth-Wagner vom Bonner Biotech-Unternehmen Rigontec

In den USA buhlen Fonds für Venture Capital in vielen Fernsehshows um junge Unternehmen. In Deutschland gilt diese Finanzierungsform als Zockerei. Weshalb?

Das heutige Venture Capital ist in Amerika erfunden worden, Technologieunternehmen wie Intel, Google oder Apple sind anfangs so finanziert worden. Während die Amerikaner also auf mehr als 50 Jahre Erfahrung mit Venture Capital zurückblicken, setzt der Deutsche nach wie vor auf die Fremdkapitalfinanzierung über Banken. Auch sind die Amerikaner risikofreudiger – und auch risikobewusster. Die geplatzte Dotcom-Blase im Jahr 2000 konnte den amerikanischen Venture-Capital-Markt nicht nachhaltig erschüttern. Der deutsche Markt hat sich aber noch nicht vollständig von dem Schock erholt. Venture Capital führt hierzulande immer noch ein Schattendasein. Wir brauchen Geduld.

Mit Geduld lässt sich aber keine hohe Rendite erzielen ...

Deshalb müssen wir noch viele Verbindungen knüpfen, nicht nur zu den Unternehmen, sondern auch in die Hochschulen und in die Gesellschaft hinein. Wir brauchen dringend Privatkapital. Die deutschen Anleger investieren typischerweise in eine Immobilie, ein Containerschiff oder einen Windpark, aber kaum in junge Technologieunternehmen.

Wo ist der Bedarf im deutschen Start-up-Markt besonders groß?

Das klassische Risikokapital richtet sich an Hightech-Gründungen. Wenn aber die Produktentwicklung abgeschlossen ist, brauchen die Unternehmen das große Geld, um ihr Produkt international zu vermarkten. In Deutschland gibt es vor allem eine Lücke bei diesen Brückenfinanzierungen. In anderen Ländern – zum Beispiel in Frankreich, Belgien oder den Niederlanden – funktioniert diese Wachstumsfinanzierung auch über die Börsen. In Deutschland haben wir keine ausgeprägte Börsenkultur.

Kann sich unter diesen Voraussetzungen überhaupt eine interessante Venture-Capital-Szene entwickeln?

Deutschland muss sich nicht verstecken: Wir sind ein Hightech-Land mit vielen Patentanmeldungen, der Staat steckt Geld in Forschung und in die frühe Phase der Unternehmensfinanzierung, es gibt eine sehr aktive Start-up-Szene. Trotzdem: Der Technologietransfer von den Hochschulen in die Start-up-Szene ist in anderen Ländern wesentlich eingespielter. Auch könnte der Staat gezielt dazu beitragen, dass Privatpersonen – statt in die dritte Immobilie – in Unternehmen investieren, die zum Beispiel molekulardiagnostische Verfahren entwickeln.Steuerliche Rahmenbedingungen müssen verbessert werden, damit neue Fonds hier ansässig werden.

Die KfW investiert seit neuestem in Venture-Capital-Fonds. Was kann eine Förderbank in diesem Segment bewirken?

Die KfW ist ein Investor, der Ruhe ausstrahlt. Und lange dabeibleibt. So kann sie wichtige Signale setzen und privates Kapital anlocken. Auch die französische Förderbank BPI investiert verstärkt in den französischen Venture-Capital-Markt, der sich momentan gut entwickelt.

Sie sind der erste Fonds, in den die KfW investiert. Womit haben Sie überzeugt?

Wir sind sehr lange am Markt und unser Investment-Team besteht aus Ärzten, Biologen und Biochemikern, nur zwei Mitarbeiter haben einen Finanzhintergrund, was uns von Banken und Private Equity stark unterscheidet.

Wie entsteht überhaupt ein Fonds?

Mit einer Idee, die die Investoren überzeugen muss. In unserer kapitalintensiven Branche braucht ein Fonds etwa 70 bis 100 Millionen Euro, um sinnvoll starten zu können. Dieses Geld fließt in etwa 13 bis 16 Unternehmen mit dem Ziel, das Risiko breit zu streuen. Wir fangen an zu investieren, bevor wir das gesamte Geld beisammenhaben – so können potenzielle Investoren beurteilen, wie spannend unsere Unternehmen sind und wer die anderen Anleger sind.

Wer kommt als Anleger infrage?

Die Investoren müssen bereit sein, mindestens zwei Millionen zu investieren und unter Umständen zehn Jahre zu warten, bis sie das eingesetzte Kapital zurückerhalten. Läuft alles wie gewünscht, winkt eine sehr hohe Rendite. Obendrein haben sie das gute Gefühl, in die neuen Technologien investiert zu haben, die zum Beispiel einen Durchbruch in der Krebsforschung bringen. Aber wir sind ein Risikokapitalgeber: Investoren müssen also auch auf einen Totalverlust gefasst sein.

Holger Reithinger
Holger Reithinger kam 2010 zu Forbion. Er leitet den deutschen Zweig der niederländischen Gesellschaft in München.

Welche Exit-Strategien verfolgen Sie bei Forbion?

Im Idealfall bringen wir das Unternehmen nach einigen Jahren an die Börse oder verkaufen es an einen größeren Konzern, wie kürzlich beim Verkauf von Dezima Pharma an das amerikanische Unternehmen Amgen geschehen. Unter Umständen ist das Unternehmen auch so profitabel, dass ein anderer Investor unsere Anteile herauskauft. Das passiert aber selten.

Wie sieht Ihr Portfolio derzeit aus?

Wir haben derzeit etwa 30 Unternehmen im Portfolio, verteilt auf drei Hauptfonds. Etwa zwei Drittel kommen aus Europa, ein Drittel aus den USA. Die geografische Diversifizierung ist ein wesentlicher Aspekt des Risikomanagements. In Deutschland sind wir an sechs Unternehmen beteiligt, unter anderem am Bonner Start-up Rigontec, das einen weltweit neuartigen Ansatz in der Immuntherapie gegen Krebs verfolgt.

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