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Das zweite Leben des Anas Khattab

In der Flüchtlingskrise sind vor allem Kommunen gefordert, Antworten auf alltägliche Fragen zu geben und Brücken für Neuankömmlinge zu bauen. Die KfW unterstützt Gemeinden, die Flüchtlinge aufnehmen – auch im Ausland.

Text: Alia Begisheva

Das zweite Leben begann vor drei Monaten. Als Anas Khattab aus dem syrischen Aleppo beschloss, sich mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in ein Schlauchboot zu setzen. Als er um die Schwimmwesten feilschte und – als keine mehr da waren – einen Schwimmring kaufte, um ihn seinem fünfjährigen Sohn Fateh überzuziehen. Als er die Schlepper dafür bezahlte, dass sie auf die vierstündige Überfahrt von der Mittelmeerküste der Türkei auf die griechische Insel Samos nur sieben Flüchtlinge mitnähmen statt 20. Als ihm klar wurde, dass er das Leben seiner Familie riskieren musste, um es zu retten. "Im Boot hatte ich das Gefühl, dass meine Erinnerungen sich auflösen", sagt der 40-Jährige. "Und dass ein neues Leben beginnt."

Dabei war das erste Leben gut zu Anas Khattab gewesen. Er exportierte Bekleidung und hatte nach 25 Jahren im Geschäft genug Geld gespart, um sorgenfrei in die Zukunft blicken zu können. Vielleicht deshalb hat er vier Jahre in Aleppo ausgeharrt, obwohl der Bürgerkrieg die Häuser der Stadt um ihn herum in Ruinen verwandelte. "Wir dachten, irgendwann muss es doch vorbei sein", sagt Khattab.

30 Tage lang war die Familie unterwegs – im Schlauchboot, Auto, Zug und zu Fuß
30 Tage lang war die Familie unterwegs – im Schlauchboot, Auto, Zug und zu Fuß

Viele andere hatten ihren Glauben bereits verloren: Nach und nach wanderten Khattabs Freunde und Verwandten aus, die Lebensmittel wurden knapp, der Lärm der Gewehrsalven und Explosionen unerträglich. Erst aber, als eine Bombe das Haus gegenüber traf, kam die Angst – und mit ihr das erdrückende Gefühl, sein Leben nicht mehr selbst bestimmen zu können. "Es hätte einfach jederzeit vorbei sein können." Anas Khattab beschloss, sich und seine Familie in Sicherheit zu bringen – und damit ihrem Leben eine ganz neue Richtung zu geben. Nach 30 Tagen Überfahrten, Autofahrten, Zugfahrten und Fußmärschen durch Süd- und Osteuropa sind die vier Syrer in Deutschland angekommen.

Jetzt sitzt Anas Khattab in einem kleinen Zimmer im früheren Ärztehaus der Stadt Mühlacker im baden-württembergischen Enzkreis, isst mexikanische Burritos von Knorr, die seine Frau Noor Azizah in der Gemeinschaftsküche aufgewärmt hat, und schaut sich die Fotos vom Schlauchboot auf seinem Handy an. Vom Ärztehaus aus, das die Behörden in eine Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert haben, sind hügelige Landschaften, Spitzen der Dorfkirchen und rote Dächer von Einfamilienhäusern zu sehen. Seine Knie tun ihm weh, weil er seine Kinder über lange Strecken hatte tragen müssen, aber Khattab ist erleichtert. "Ich bin froh, dass der Albtraum vorbei ist." Und er ist entschlossen, hier neu zu starten.

Im Enzkreis leben mittlerweile 1.600 Flüchtlinge und täglich werden es mehr. "Seit September kommen wöchentlich 100 Menschen neu dazu", sagt Susanne Lechens von "Miteinander leben". Die Hilfsorganisation fördert im Auftrag des Landratsamts die Integration von Asylbewerbern im Enzkreis – und kümmert sich auch um die 50 Bewohner des ehemaligen Ärztehauses in Mühlacker. Um den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu bieten, hat der Enzkreis mehr als 50 Unterkünfte geschaffen, in kleinen Wohnungen und vorläufig auch in Industriehallen. Zusätzlich will der Landkreis mehr als sechs Millionen Euro in neue Unterkünfte investieren.

In einem ehemaligen Ärztehaus finden die Söhne ein Zuhause und neue Freunde
In einem ehemaligen Ärztehaus finden die Söhne ein Zuhause und neue Freunde

Diese Vorhaben werden aus dem Sonderkreditprogramm für Flüchtlingsunterkünfte finanziert, das die KfW im September 2015 ins Leben gerufen hat. Bereits zweimal sind die Mittel aufgestockt worden, zuletzt auf eine Milliarde Euro. Um die Kommunen zu entlasten, verlangt die KfW für diese Kredite keine Zinsen. "Über die Laufzeit sparen wir so 400.000 Euro", sagt Finanzdezernent Frank Stephan – das ist viel Geld für einen mittelgroßen Landkreis mit etwa 190.000 Einwohnern und 200 Millionen Euro Haushaltsvolumen.

Im März sollen 70 Flüchtlinge in einen Neubau in der Gemeinde Illingen einziehen, einer Nachbarkommune von Mühlacker. Für weitere 250 Menschen werden noch im November und Dezember Wohncontainer aufgestellt. "Es geht darum, dass möglichst schnell möglichst viele Flüchtlinge untergebracht werden", erklärt der KfW-Abteilungsdirektor für das Produktmanagement Infrastruktur, Peter Hofmann. Deshalb finanziere die KfW Wohncontainer sowie die Sanierung und Ausstattung bestehender Gebäude, aber auch den Neubau von Übergangswohnheimen, in denen Asylbewerber leben können. Menschen wie Anas Khattab und seine Familie.

Mit seinem Wunsch, hierzulande dauerhaft ein Leben aufzubauen, ist der Syrer eher eine Ausnahme. So hat die Organisation "Adopt a Revolution" unter Begleitung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) in fünf deutschen Städten vor Registrierungsstellen und Erstaufnahmeeinrichtungen knapp 900 syrische Flüchtlinge befragt und herausgefunden, dass nur acht Prozent dauerhaft hier bleiben wollen.

Auf dem Smartphone zeigt Anas Khattab ein Foto vom Schlauchboot, das die Familie nach Griechenland brachte
Auf dem Smartphone zeigt Anas Khattab ein Foto vom Schlauchboot, das die Familie nach Griechenland brachte

Viele machen sich erst gar nicht auf den Weg nach Europa. "Im Libanon machen syrische Flüchtlinge mittlerweile ein Drittel der Bevölkerung aus, in Jordanien sind es noch mehr", sagt Babette Stein von Kamienski, die im Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank Projekte in der Region Nahost betreut. "Wir haben gelernt, dass nicht nur Flüchtlinge Hilfe brauchen. Auch die Gemeinden brauchen Unterstützung, weil sie sehr belastet sind: Die Schulen müssen in Schichten unterrichten, der Wohnraum ist knapp."

Deshalb finanziert die KfW zum Beispiel mit 30 Millionen Euro den Aufbau von Wasserversorgungssystemen in Jordanien. "Die Dörfer, die Flüchtlinge aufgenommen haben, verbrauchen mehr Wasser und produzieren mehr Abwasser", so Stein von Kamienski. Dabei ist Jordanien eines der wasserärmsten Länder der Welt.

Den Libanon unterstützte die Entwicklungsbank mit 40 Millionen Euro, damit die Kinder aus Syrien eingeschult werden können. Insgesamt investiert die KfW im Auftrag der Bundesregierung 883 Millionen Euro in Flüchtlingsprojekte im Ausland – von Südsudan bis Afghanistan.

Anas Khattabs ältester Sohn Farouk geht seit Ende Oktober in die Grundschule in Mühlacker. Sein Vater bringt ihn jeden Morgen hin und holt ihn nach dem Unterricht wieder ab. "Er ist der Erste von uns, der Deutsch lernt", sagt Khattab. Deutschunterricht hätte er auch gerne. "Ich brauche die Sprache, um hier einen Job zu finden."

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