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Freie Wildbahn

Im südlichen Afrika betreiben fünf Staaten einen Nationalpark über Ländergrenzen hinweg – trotz aller politischen Unterschiede. Alles begann mit den Elefanten.

Von Leonore Esser

Wasser so weit das Auge reicht. Das Einbaum-Boot ersetzt über weite Strecken den Jeep. Der Fahrer steuert es mit einem langen Paddel durch die Kanäle, die die sattgrüne Graslandschaft durchziehen. Am Ufer ist plötzlich eine Horde Elefanten zu sehen. Junge Bullen toben miteinander, die älteren beobachten das Treiben des Nachwuchses. Dann schweift der Blick zum Himmel, wo ein Fischreiher geräuschlos vorbeizieht. »Wer das sieht, bekommt eine Gänsehaut«, sagt Dr. Ralph Kadel vom Geschäftsbereich Entwicklungsbank der KfW. 1995 war er zum ersten Mal im Auftrag der Förderbank in dem Gebiet unterwegs, in dem später die Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area (KaZa) entstehen sollte. »Dort vergisst man alles, was man in Europa je über Zeit gelernt hat.«

Der Ort, den Kadel beschreibt, liegt im größten grenzüberschreitenden Naturpark der Erde. Mit 444.000 Quadratkilometern ist das Gebiet etwa so groß wie Deutschland und Österreich zusammen. Die KfW unterstützt im Auftrag der Bundesregierung das Projekt seit 2012 als Hauptfinanzierer. Im Jahr 2011 beschlossen die Staatschefs der Länder Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe die Einrichtung eines gemeinsamen Naturschutzgebiets. Einer der Gründe: In Botswana lebten zu viele Elefanten auf engem Raum.

Die Dickhäuter sind dort ein großer Tourismusmagnet und hatten dennoch nicht überall einen guten Ruf: 2011 konstatierte Umweltminister Kitso Mokaila, sein Land habe mit 150.000 Tieren einen der größten Bestände Afrikas und von ihnen gehe eine Gefahr für Umwelt und Landwirtschaft aus. Dabei hätten die hungrigen Elefanten Botswana wohl allzu gern den Rücken gekehrt. Doch die Grenzzäune zwischen den Nachbarstaaten versperrten ihre traditionellen Migrationsrouten. Im März 2012 wurde KaZa offiziell eröffnet. Ist das Projekt erfolgreich, können in Zukunft immer mehr Elefanten und andere Tierarten wieder auf Wanderschaft gehen, ohne von Barrieren, die von Menschen errichtet wurden, behindert zu werden. Das Problem Botswanas wäre gelöst und die KaZa-Parks in Sambia und Angola würden durch die einwandernden Herden wieder attraktiver für Touristen werden.

Die Entwicklungsbank unterstützt KaZa mit 35,5 Millionen Euro. Den Antrag hat das Sekretariat für Regionale Entwicklung und Zusammenarbeit im Südlichen Afrika (SADC) für alle fünf Mitgliedsländer gestellt. »Es ist ein wunderbares Signal aus Afrika, dass es den fünf Staatschefs gelungen ist, gemeinsam einen völkerrechtsverbindlichen Staatsvertrag auf den Weg zu bringen«, sagt Kadel. Denn so vielfältig sie landschaftlich sind, so verschieden sind auch die politischen Voraussetzungen in den Staaten. In Angola etwa hat der 27 Jahre andauernde Bürgerkrieg deutliche Spuren hinterlassen. Staatspräsident José Eduardo dos Santos verteidigt seit mehr als einem Vierteljahrhundert seine Macht – ebenso wie Simbabwes Staatsoberhaupt Robert Mugabe mit seinem autokratischen Regierungsstil. Demgegenüber verfügt Botswana über ein funktionierendes demokratisches System. Auch die Präsidialdemokratie Namibias gilt unter den KaZa-Mitgliedstaaten als sehr modern. Namibia hat in Zusammenarbeit mit dem WWF einen besonders innovativen Naturschutzansatz entwickelt, der die Gemeinden um die Nationalparks an den Tourismuseinnahmen beteiligt. Dieser Ansatz soll auf die anderen KaZa-Länder übertragen werden.

»Eine der großen Herausforderungen bei einem solchen Projekt ist es, dass einige Partner fortgeschritten sind und andere noch massive Probleme zu überwinden haben«, sagt Nils Meyer, der bei der Entwicklungsbank inzwischen als Projektmanager die Nachfolge Ralph Kadels angetreten hat. »Wir wollen, dass sich die Staaten partnerschaftlich austauschen und voneinander lernen.« Heute koordiniert das KaZa-Sekretariat im Norden Botswanas die Zusammenarbeit mit der KfW. Aktuell in Arbeit: Die Förderbank ist gemeinsam mit der Weltbank daran beteiligt, ein grenzübergreifendes Visum für das KaZa-Gebiet zu schaffen, damit Touristen leichter reisen können.

Auch die Bedingungen, unter denen die Menschen in der KaZa-Region leben und arbeiten, wollen die Beschäftigten des KaZa-Programms verbessern. Manche von ihnen sind bereits seit Jahrzehnten in den Nationalparks und Reservaten tätig, die im KaZa-Gebiet liegen. Angemessene Unterkünfte für das Parkpersonal, sauberes Wasser, Fahrzeuge und Pistenstraßen – an alledem fehlte es, bevor das grenzübergreifende Naturpark-Netzwerk entstehen konnte. »Vor allem das verbesserte Transportnetz lässt uns heute deutlich effektiver arbeiten«, lobt Kekelwa Lubasi die Veränderungen seit der Eröffnung von KaZa. Gemeinsam mit ihrem Team arbeitet sie im Sioma Ngwezi National Park in Sambia, heute ebenfalls Teil von KaZa. Sind Lubasi und ihre Kollegen auf Patrouille, können sie nun mit dem Headquarter kommunizieren. Bei Problemen sind sie in dem 5.000 Quadratkilometer großen Parkabschnitt nicht mehr auf sich allein gestellt.

Besonders überzeugt hat Lubasi der Ansatz, die Menschen vor Ort in den Naturschutz einzubinden und ihnen damit neue Jobchancen zu eröffnen. »Damit uns die Bevölkerung im nachhaltigen Umgang mit den Tieren unterstützt, muss sie noch besser verstehen, wie sie selbst von den lokalen Umweltressourcen profitieren kann«, sagt ihr Kollege Likando Imangolwa. Deshalb informieren sogenannte Village Scouts die Anwohner über den Wert der natürlichen Schätze, die direkt vor der Haustür so selbstverständlich wirken. Je mehr Menschen sich von KaZa überzeugen lassen, desto verantwortungsvoller werden sie ihre Umgebung nutzen und vom Tourismus profitieren.

Um den Park bei umweltbewussten Besuchern aus dem Ausland bekannt zu machen, unterstützt die KfW KaZa auch bei der Entwicklung einer Marke und zeigt etwa bei der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin Präsenz. »Viele Reiseveranstalter, für die KaZa ein immer beliebteres Ziel wird, legen Wert darauf, den Touristen auch die Zivilbevölkerung vorzustellen«, sagt Teamleiter Piet Kleffmann. Als Guide führt Rangerin Lubasi Besuchergruppen durch ihren Park.

Die Menschen vor Ort stärker einzubeziehen, ist auch ein Ziel der KfW-Tochter DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH, die sich im März 2014 im KaZa-Sekretariat akkreditieren ließ. Langfristig will die DEG privatwirtschaftlich geführte, nachhaltige Unterkünfte für umweltbewusste Touristen – sogenannte Lodges – finanzieren. »In Namibia haben wir bereits interessante Lodge-Konzepte kennengelernt«, sagt DEG-Tourismusexpertin Valentina Zeisler. »Dass die Bevölkerung optimal einbezogen wird, liegt uns sehr am Herzen.« Nicht nur das Hotelpersonal soll aus der direkten Umgebung rekrutiert werden, auch die lokale Zulieferindustrie und die Landwirtschaft sollen ihren Teil beitragen. »Geplant sind Konzepte, bei denen pro Gast drei Angestellte beschäftigt werden«, sagt Zeisler. Familiäre Lodges also, deren Besucher Wert legen auf außergewöhnlichen Service und Nachhaltigkeit. Bis zum kommenden Jahr wird ein Consultant die Region untersuchen und schauen, an welchen Orten bereits funktionierende Lodges bestehen, deren Konzepte auf andere Länder übertragen werden können. Im nächsten Schritt wollen Valentina Zeisler und ihre Kollegen mögliche Investoren zu einem Forum einladen, um ihnen interessante Vorhaben vorzustellen.

Die KfW Bankengruppe schreibt die Ausbildung des Fachpersonals groß – ein Gewinn für die Menschen vor Ort, wie das Beispiel von Likando Imangolwa zeigt: Als einer von zwei Parkmitarbeitern erhielt er die Chance, sich am Southern African Wildlife College zur Führungskraft im Bereich ›Biodiversität und grenzübergreifender Naturschutz‹ ausbilden zu lassen. »Diese Erfahrung hat meine Einstellung zur Natur verändert«, sagt der Ranger. »Die Pyramide des Lebens kann nur dann weiter stabil stehen, wenn wir respektvoll mit unserer Umwelt umgehen. Als Naturschützer sind wir eine Minderheit, deren Aufgabe es ist, die Welt von dieser Wahrheit zu überzeugen.«

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